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… Pires sagte einmal zu Moisés: ‘Du hast in zwei Jahren das erreicht, was man für gewöhnlich mit harter Arbeit in sieben Jahren lernen kann.’

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13.09.2014

Moisés Natividade de Mattos ungewöhnlicher Weg zum Pianisten

Von Martin Hofmann*

Der Brasilianer brachte sich das Klavierspiel selber bei, nun studiert er an der Hochschule für Künste Bremen. Jetzt gibt er ein Konzert zugunsten seiner behinderten Schwester in der Christuskirche Othmarschen.

In seiner Gemeinde wird ihm verboten, Orgel zu spielen – Jungs tun so was nicht, heißt es. Deswegen nimmt Moisés zunächst in der Kirchengemeinde seiner Mutter Geigenunterricht. Doch die Faszination für die Orgel lässt den Jungen nicht los. Mit acht Jahren hat er ein Klavierkonzert von Vladimir Horowitz im Fernsehen gesehen. Seitdem träumt er davon, Pianist zu werden. Doch ein Klavier ist für die Familie Natividade de Mattos unerschwinglich. Sie lebt im Südosten Brasiliens, in Juiz de Fora. Es fehlt am Nötigsten: an Essen, an Kleidung, an Möbeln. Der Vater war mal Wachmann, auch die Mutter ist arbeitslos, beide können weder lesen noch schreiben. Die Tochter Samara wurde mit einem schwerem Down-Syndrom geboren. Das alles ist kein Nährboden für Musik und Kunst.

Aber immerhin darf Moisés Geige in der Kirche spielen. Wenn ihn keiner sieht, schleicht er sich an die Orgel und übt, bis ihn ein Wachmann erwischt. Dem Wachmann gefällt das Spiel. Moisés darf an dem Tag weiterspielen. So geht Moisés weiter zum Geigenunterricht, um heimlich Orgel spielen zu können. Nochmal wird er erwischt und dieses Mal ist es endgültig aus mit der Orgel. Die Leidenschaft dafür bleibt.

Moisés, mittlerweile zwölf Jahre alt, zeichnet sich eine Klaviatur auf den Tisch und übt imaginäre Töne. Später leiht ihm eine Tante ein elektrisches Spielzeugklavier mit nur einer Oktave. Die restlichen Töne stellt er sich vor.

Vater Paulo Roberto ist beeindruckt von der Entschlossenheit seines Jungen. Unter großen finanziellen Schwierigkeiten kauft die Familie ein Keyboard mit vier Oktaven. Moisés will aber immer mehr lernen. Bald reichen die vier Oktaven nicht mehr aus.

So macht er sich mit dreizehn auf die Suche nach einem „echten Klavier“: Er entdeckt ein Konservatorium in Juiz de Fora: zwei Stunden Fußweg entfernt, bergauf und bergab in der brasilianischen Hitze. Die Putzfrauen und Wachmänner schließen den Jungen dort bald in ihr Herz und schmuggeln ihn spätabends in das Gebäude. Zum ersten Mal in seinem Leben spielt Moisés an einem „echten Klavier“.

Wieder wird er erwischt: Die Direktorin wirft ihn hinaus, Moisés schleicht sich wieder rein. Lehrer und Studenten schimpfen und sagen: „Aus dir wird nie ein Pianist.“ Doch es gibt auch andere: Sie ermutigen den Autodidakten, sich an
Professor André Pires zu wenden, in ganz Brasilien als großer Meister des Klavierspiels bekannt. Und tatsächlich darf Moisés vorspielen.

Professor Pires ist beeindruckt von seiner Begabung und seinem autodidaktischen Können. Drei Monate will er ihn auf Probe unterrichten. In diesen drei Monaten erarbeiten die beiden eine Ballade von Chopin, für die andere Klavierschüler zwei Jahre gebraucht hätten. Aus drei Monaten Probeunterricht werden dreieinhalb Jahre. Aus dreieinhalb Jahren wird eine Freundschaft. Pires sagte einmal zu Moisés: „Du hast in zwei Jahren das erreicht, was man für gewöhnlich mit harter Arbeit in sieben Jahren lernen kann.“

Um sich zu finanzieren, jobbt Moisés nebenbei in einem Kosmetikgeschäft. Da hört er aus einem Nachbargebäude Musik. Er klingelt und lernt die Deutsche Veronika Brunis kennen. Sie stellt ihn für ihren Eurythmie-Kurs ein und rät ihm, nach Deutschland zu gehen, um noch besser spielen zu lernen. Moisés bringt sich innerhalb von drei Monaten die deutsche Sprache bei. Der Teilnehmer eines Kurses bei Veronika Brunis bezahlt ihm den Flug nach Hamburg. Ein langjähriger Freund von ihr bietet ihm eine Unterkunft an. Er hat Glück und trifft auf die brasilianische Pianistin Ivone Bambirra, die ihn auf die Aufnahmeprüfung für die Hochschule vorbereitet, eine Familie Meinecke kümmert sich um sein Wohl.

Moisés ist nun fünfundzwanzig und studiert im sechsten Semester das Fach Klavier an der Hochschule für Künste in Bremen. Sein Lebenstraum ist, dass er mit seiner Musik genug verdient, um nicht nur sich, sondern auch seine Familie in Juiz de Fora zu unterstützen. Vor allem seine behinderte Schwester Samara braucht Hilfe.

*Der Autor ist Pastor der Christuskirche Othmarschen.

Der Artikel erscheint, gekürzt um den Veranstaltungshinweis, mit freundlicher Genehmigung des Autors.